Was ist dran an der "Faszination Fußball"?
Warum sind auch erwachsene Menschen, denen im sonstigen Leben durchaus eine gewisse Intelligenz, Reife und rationale Fähigkeiten zugeschrieben werden, beispielsweise bereit, bei Minusgraden und Schneetreiben hunderte Kilometer zu einem Auswärtsspiel eines drittklassigen Fußballvereins zu fahren, über tausend Euro für eine Eintrittskarte zur Fußball-WM zu bezahlen, oder ihren nur wenige Wochen alten Sohn in Bayernutensilien zu fotografieren? Kurzum: Verhaltensweisen zu zeigen, denen manche Mitmenschen mit Kopfschütteln und Unverständnis begegnen.

(1+2) Identifikation und Selbstdarstellung
Jeder Mensch strebt danach, sich selbst positiv darzustellen und soziale sowie gesellschaftliche Anerkennung zu erleben. Der Fußball bietet dem Fan die Möglichkeit, diese beiden elementaren Bedürfnisse zu befriedigen.
Durch die Verbindung zu einem Sportverein übernimmt der Fan seinerseits die positiven Attribute, die der Mannschaft zugeschrieben werden. Sehr treffend hat dies der Schriftsteller Isaac Asimov beschrieben, als er feststellte: „Wen auch immer man anfeuert, er steht letztlich für einen selbst, und wenn er gewinnt, gewinnt man selbst.“
Liegt die Identifikation eines Fans mit seinem Verein oder Lieblingssportler vor, so will er diese Verbindung auch nach außen hin kommunizieren. Dahinter steckt laut verschiedener Studien von Sportpsychologen der Wunsch nach sozialer Anbindung und Selbstpräsentation. Untersuchungen haben ergeben, dass Fans vor allem zwei Strategien verfolgen um sich selbst zu präsentieren:
BIRGING steht für „Basking in Reflected Glory“, also für das Bestreben, sich im Glanze anderer zu sonnen.
So ergab eine Studie von Cialdini, dass an der Arizona State University nach Siegen des heimischen Football-Teams deutlich mehr Studenten in Kleidungsstücken mit Universitätsemblemen oder –schriftzügen in die Uni kamen, als nach Niederlagen. Außerdem wurde anhand der Sprache festgestellt, dass nach Siegen der eigenen Mannschaft häufig Formulierungen wie „Wir haben gewonnen“ benutzt wurden, was nach negativen Spielergebnissen kaum zu beobachten war.
Eine weitere Form, sich im Zuge sportlicher Veranstaltungen positiv darzustellen, liegt in dem Besuch oder auch lediglich in der Behauptung, bei einem Wettkampf als Zuschauer dabei gewesen zu sein. So berichten Psychologen wie Tedeschi u.a. davon, dass Menschen nach Siegen ihrer Heimteams im Bekanntenkreis ausführlich von ihrem Stadionbesuch berichten, während sie nach Niederlagen kaum auf dieses Thema zu sprechen kommen. Zudem verweisen sie darauf, dass diversen Studien zufolge in den USA etwa 1 Mio. Menschen von sich behauptet haben, in den dreißiger Jahren den Boxkampf zwischen Joe Louis und Max Schmeling live verfolgt zu haben – obwohl der Kampf nicht im Fernsehen übertragen wurde und nur etwa 20000 Zuschauer im Madison`s Square Garden tatsächlich anwesend waren.
Eine weitere Möglichkeit für Fußballfans, BIRGING zu betreiben, haben Cialdini und Richardson sowie Dolan untersucht: Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Fußballfans ihre eigene soziale Gruppe, also die Anhänger, die Spieler sowie Trainer und Manager der eigenen Mannschaft, positiver bewerten als Außenstehende und im Umgang mit dem eigenen Team tendenziell unkritisch sind. Erfolge der eigenen Mannschaft werden dabei zumeist internal attributiert, Misserfolge dagegen durch äußere Einflüsse wie Fehlentscheidungen des Schiedsrichters oder schlechte Platzbedingungen erklärt. Ziel dieser Verhaltensweisen ist es wiederum, die eigene soziale Gruppe und somit letztlich die eigene Person positiv darzustellen und gegen Kritik in Schutz zu nehmen.
Neben der Aufwertung der eigenen Mannschaft dient auch die systematische Abwertung von Gegnern dazu, eine möglichst gute Selbstdarstellung zu erreichen. Dies wird in der wissenschaftlichen Theorie auch als BLASTING bezeichnet. Typisch hierfür sind das Ausbuhen oder Auspfeifen des Gegners, Schmähgesänge oder Beleidigungen, das Werfen von Gegenständen auf das Spielfeld sowie in extremen Fällen auch körperliche Drohgebärden bis hin zu Übergriffen gegenüber gegnerischen Fans.
Eine dritte Strategie zur Selbstpräsentation konnte in Untersuchungen ebenfalls nachgewiesen werden: Das CORFING, bei dem sich die Fans bei Misserfolgen der eigenen Mannschaft von dieser distanzieren. Allerdings trifft dieses Verhalten nur für so genannte „Schön-Wetter-Fans“ zu, die sich vor allem bei großen Erfolgen um einen Verein scharen, um BIRGING zu betreiben. Für „echte“ Fans kommt ein solches Vorgehen keinesfalls in Frage.
(3) Kontrolle
Als dritter Punkt wird der Wunsch, Ereignisse beeinflussen zu können, die so genannte „Verhaltenskontrolle“, als Ursache für die Faszination am Fußball herangeführt. Dabei geht es aus wissenschaftlicher Sicht weniger um tatsächlich gegebene als um subjektiv eingebildete Beeinflussungsmöglichkeiten des Spielgeschehens durch die Fans. Der Wissenschaftler spricht hierbei von „kognizierter Kontrolle“, also solcher Einflussnahme, die hauptsächlich in der Vorstellung der Sportzuschauer besteht und die sich zum Beispiel im rhythmischen Klatschen der Fans vor Eckbällen der eigenen Mannschaft, dem Daumendrücken für einen Tennisspieler beim Breakball oder dem Auspfeifen der gegnerischen Mannschaft während des Spiels äußert, wodurch Fans das Spielgeschehen beeinflussen wollen.

Dass die tatsächliche positive Beeinflussung des Spielgeschehens allerdings in den seltensten Fällen gegeben ist, weist Strauss in seinem Aufsatz „Wenn Fans ihre Mannschaft zur Niederlage klatschen“ nach. Dabei belegt Strauß zwar anhand mehrerer Untersuchungsergebnisse, dass Zuschauer (62% der in einer Studie befragten Football-Zuschauer) und Sportler (fast 90% der befragten Basketballspieler) an den positiven Einfluss des Heimpublikums auf das Spielgeschehen glauben, kommt anschließend aber zu dem Ergebnis, dass der Einfluss von Zuschauern auf Sportler neben stimulierender auch eine hemmende Wirkung haben kann und insgesamt in keiner Richtung maßgeblichen Anteil am Spielergebnis aufweist.
Neben der Verhaltenskontrolle spielt auch der Glaube, Ergebnisse von sportlichen Wettkämpfen im Voraus vorhersagen bzw. im Nachhinein plausibel erklären zu können, eine wichtige Rolle für Sportfans. Dies zeigt sich daran, dass sich jeder Fan für einen mehr oder weniger großen Sportexperten hält, der zumeist mehr von Taktik und Aufstellung versteht als der Trainer der eigenen Mannschaft. Das Phänomen des Sportwettens lässt sich beispielsweise durch diesen Glauben an das eigene Fachwissen erklären; ebenso die – vor allem aus sprachwissenschaftlicher Sicht – faszinierenden Diskussionsrunden auf SPORT1, die sich all sonntäglich dem vorangegangenen Bundesligaspieltag widmen und dabei dem Motto „Was kümmert mich mein Geschwätz von vor fünf Minuten“ folgen.
(4) Stimmung und Ausleben von Emotionen
Das Erleben von Sportveranstaltungen als aktiv Beteiligter sowie als Zuschauer dient der Anregung positiver Gefühlszustände. Darauf weist unter anderem Zillmann hin, der das Fanverhalten anhand seiner „Mood Management Theory“ untersucht hat. Das Ausleben von Affekten und das Erlebnis positiver Stimmung ist aus Sicht der Fanforschung der vierte Grund für den hohen Stellenwert des Fußballs. Oder, um den legendären argentinischen Trainer Cesar Luis Menotti zu zitieren: „Fußball ist die schönste Entschuldigung dafür, glücklich zu sein.“
Kaum ein Ereignis führt zu einer solchen emotionalen Beteiligung, wie das Zuschauen bei einem Fußballspiel. Vorfreude, Freude, Trauer und Wut treten in den unterschiedlichsten Ausprägungen und zumeist spontan, unerwartet und höchst intensiv zutage. Das Ausleben dieser Gefühle ist gerade in modernen Zeiten, in denen die meisten gesellschaftlichen Bereiche reglementiert und durch ausgeprägte Affektkontrolle bestimmt werden, von elementarer Bedeutung für die Menschen.
Hinzu kommt die Möglichkeit, Gefühle nicht vereinzelt, sondern als Teil einer sozialen Gruppe erleben zu können. Da hier die Gefühlswelten aller Beteiligten mehr oder weniger synchronisiert sind, muss sich kein Gruppenmitglied seiner Gefühle schämen, innerhalb der Zuschauermenge muss niemand befürchten, sich blamieren zu können. Im Endeffekt sind den Fußballfans die Motive ihres eigenen Verhaltens zumeist egal. Nicht das „Warum“ steht für sie im Vordergrund, sondern das „Das“. Denn letztendlich gibt es trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Fußball sowieso nur zwei elementare Wahrheiten: Fußball ist Fußball und maßgebend is auf`fen Platz.
(Kri2010)
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